Bauen und Wohnen in Uri
Die Geschichte des Wohnens in Uri wurde während Jahrhunderten von der alpinen Landschaft, der Landwirtschaft und den verfügbaren Baustoffen bestimmt. Holz und Stein waren reichlich vorhanden, während der knappe nutzbare Boden möglichst der Viehhaltung und dem Ackerbau vorbehalten blieb. Haus und Haushalt bildeten daher keine getrennten Lebensbereiche: Das Wohnhaus war zugleich Schlafstätte, Küche, Arbeitsraum, Vorratslager und Mittelpunkt des religiösen und gesellschaftlichen Lebens. Auf einem Bauernbetrieb gehörten auch Stall, Scheune, Speicher, eventuell Backhaus oder Waschhütte zum Haushalt. Erst im Verlauf des 19. und 20. Jahrhunderts lösten sich Wohnen und Arbeiten allmählich voneinander.
Über die Wohnverhältnisse des frühen Mittelalters ist nur wenig bekannt. Die meisten Menschen lebten in einfachen Holzhäusern, die aus einem oder wenigen Räumen bestanden. Eine offene Feuerstelle lieferte Wärme und diente zum Kochen, erfüllte den Raum aber mit Rauch. Geschlafen wurde auf Strohsäcken oder einfachen hölzernen Lagern; Truhen dienten zur Aufbewahrung von Kleidern, Lebensmitteln und persönlichen Gegenständen. Glasfenster waren selten. Kleine, mit Läden verschliessbare Öffnungen brachten etwas Licht ins Haus, hielten jedoch Kälte und Wind nur ungenügend ab. Wasser musste an Brunnen, Quellen oder Bächen geholt werden. Abfälle und Schmutzwasser gelangten auf den Miststock, in Gruben oder in nahe Wasserläufe.
Seit dem Hoch- und Spätmittelalter entstanden dauerhaftere Wohnbauten. Im Urner Talboden sowie an den Berghängen verbreitete sich der Block- oder Strickbau, bei dem waagrecht aufeinandergelegte Balken an den Ecken miteinander verbunden wurden. Häufig stand der hölzerne Wohnteil auf einem gemauerten Sockel oder Keller. Das Wohnhaus war damit gegen Bodenfeuchtigkeit geschützt, und im kühlen Keller konnten Käse, Milch, Fleisch, Obst und andere Vorräte gelagert werden.

Ein besonders frühes Beispiel ist das Haus Unter Buechholz in Seelisberg, dessen Kernbau dendrochronologisch in die Jahre 1348 / 49 datiert wurde. Erhaltene kleine Lichtöffnungen und eine hölzerne Rauchkammer erinnern dort an die ursprünglichen Wohnverhältnisse.
Das traditionelle Urner Bauernhaus war vor allem auf die Bedürfnisse der bäuerlichen Wirtschaft ausgerichtet. Je nach Gelände, Betriebsgrösse und örtlicher Bauweise konnten Wohnteil und Stall unter einem gemeinsamen Dach liegen oder als getrennte Gebäude errichtet sein. Zum Hof gehörten meist weitere Bauten wie Gaden, Heustall, Speicher, Schweinestall oder Käsekeller. Im Innern bildete die Küche den Arbeitsmittelpunkt. Hier wurde gekocht, Wasser erwärmt, Milch verarbeitet, gebacken, gedörrt, geräuchert und häufig auch gewaschen. Anfangs stieg der Rauch der offenen Feuerstelle durch den Raum und entwich durch Öffnungen im Dach. Später verbesserten Rauchfang und Kamin die Luft im Haus und verminderten die Brandgefahr.
Neben der Küche lag gewöhnlich die Stube. Sie war der wichtigste beheizbare Wohnraum und diente zum Essen, Arbeiten, Beten und abends zum geselligen Beisammensein. Der von der Küche aus beschickte Stein- oder Kachelofen hielt die Stube weitgehend rauchfrei. Um ihn gruppierten sich Tisch, Bänke, Stühle und Schlafgelegenheiten. In vielen Häusern befand sich über oder neben der Stube eine Kammer, während Kinder und Dienstboten häufig in kleinen, ungeheizten Schlafkammern untergebracht waren. Zur Ausstattung gehörten zunächst vor allem Truhen, Wandbänke, einfache Tische, Gestelle und Geschirr aus Holz, Ton oder Zinn. Ein Herrgottswinkel mit Kreuz, Heiligenbild, Rosenkranz oder Weihwassergefäss zeigte die starke Verankerung des katholischen Glaubens im Alltag.
Das Leben im Bauernhaus folgte dem Jahreslauf. Im Sommer arbeiteten viele Familienmitglieder auf den Wiesen, Alpen und in den Ställen; im Winter verlagerten sich zahlreiche Tätigkeiten in die Stube. Dort wurden Geräte repariert, Holz bearbeitet, Wolle gekardet und gesponnen, Kleider genäht und geflickt oder Körbe und Seile hergestellt. Lebensmittel mussten für längere Zeit haltbar gemacht werden. Fleisch wurde gesalzen, geräuchert oder gedörrt, Milch zu Butter und Käse verarbeitet, Obst getrocknet und Gemüse eingelagert. Der bäuerliche Haushalt war weitgehend auf Selbstversorgung ausgerichtet. Er umfasste nicht nur die engere Familie, sondern zeitweise auch Grosseltern, unverheiratete Verwandte, Knechte, Mägde und Kinder, die früh bei der Arbeit mithalfen.
Dem Bauernhaus stand das Bürger- oder Herrenhaus gegenüber. Der Begriff «Bürgerhaus» ist für Uri allerdings mit Vorsicht zu verwenden, da Altdorf keine ummauerte Stadt im eigentlichen Sinn war. Gemeint sind vor allem die stattlichen Wohnhäuser wohlhabender Familien in Altdorf, Flüelen und anderen grösseren Ortschaften. Ihre Besitzer waren häufig Landammänner, Landschreiber, Offiziere in fremden Diensten, Kaufleute, Wirte oder Angehörige einflussreicher Familien. In Altdorf sind zahlreiche solcher Wohn- und Geschäftshäuser nachweisbar; das um 1550 errichtete Jauch- oder Suworowhaus ist ein bekanntes Beispiel eines repräsentativen spätgotischen Steinbaus.

Der wichtigste Unterschied lag weniger in einer vollständig anderen Lebensweise als in der Grösse, Bauart und Ausstattung. Das Bauernhaus blieb eng mit Stall, Vorratshaltung und landwirtschaftlicher Arbeit verbunden. Im Bürgerhaus waren Wohnen, Repräsentation und Geschäft deutlicher voneinander getrennt. Erdgeschoss oder Nebenräume konnten als Laden, Schreibstube, Werkstatt oder Lager dienen, während die oberen Geschosse Wohn- und Empfangsräume enthielten. Statt einer einzigen, vielfältig genutzten Stube gab es mehrere Zimmer: Wohnstube, Nebenstube, Schlafkammern, Gästezimmer und gelegentlich einen Saal. Wohlhabende Häuser besassen getäferte Wände, verzierte Kachelöfen, bemalte Decken, Schränke, Buffets, Spiegel, Uhren, Bilder und hochwertiges Geschirr. Grössere Fenster mit Glas sorgten für mehr Licht. Importierte Möbel, Stoffe und Kunstgegenstände zeugten von den Verbindungen der Urner Führungsschicht nach Italien, Frankreich und in andere europäische Länder.
Die Unterschiede dürfen jedoch nicht zu scharf gezogen werden. Wohlhabende Bauern konnten über grosse, gut ausgestattete Häuser verfügen, während Handwerker und Tagelöhner in den Dörfern oft sehr bescheiden wohnten. Auch in Bürgerhäusern wurde produziert, gelagert und mit Vorräten gewirtschaftet. Umgekehrt übernahmen Bauernhäuser mit wachsendem Wohlstand bürgerliche Elemente wie Wandtäfer, Buffets, Kommoden, Uhren, Porträts und besondere Gaststuben. Das Wohnhaus war somit immer auch ein sichtbarer Ausdruck des sozialen Ranges.
Die Entwicklung wurde wiederholt durch Brände unterbrochen. Holzbauten, offene Feuerstellen, Kienspäne und Kerzen bildeten eine grosse Gefahr. Die Dorfbrände von Altdorf, besonders jene von 1693 und 1799, zerstörten weite Teile des Ortes. Beim Wiederaufbau wurden vermehrt Steinmauern, Ziegeldächer, Kamine und grössere Abstände zwischen den Häusern angestrebt. Dennoch blieb Holz im ländlichen Uri bis weit ins 20. Jahrhundert der wichtigste Baustoff. Viele ältere Blockbauten wurden später verschindelt, verputzt, erweitert oder mit gemauerten Anbauten versehen.
Im 19. Jahrhundert veränderten neue Verkehrsverbindungen und die beginnende Industrialisierung den Haushalt. Die Gotthardstrasse und besonders die Eröffnung der Gotthardbahn 1882 erleichterten die Einfuhr von Kohle, Eisenwaren, Möbeln, Geschirr und Lebensmitteln. Gusseiserne Kochherde lösten vielerorts die offene Feuerstelle ab. Sie ermöglichten ein kontrollierteres Kochen, erwärmten Wasser und heizten gleichzeitig die Küche. Petroleum- und später Gas- oder elektrische Lampen verbesserten die Beleuchtung. Waschkrüge und -schüsseln gehörten zunehmend zur Schlafkammer; gebadet wurde jedoch weiterhin selten und meist in einem Waschzuber.
Trotz dieser Neuerungen blieb die Hausarbeit sehr aufwendig. Wasser musste getragen, Holz gespalten, Feuer unterhalten, Wäsche von Hand eingeweicht, gekocht, gerieben und gespült werden. Besonders Frauen und Mädchen trugen die Hauptlast des Kochens, Waschens, Nähens, der Kinderpflege und der Vorratshaltung. In Bauernfamilien kamen Stallarbeit, Gartenbau, Heuen und die Verarbeitung von Milch und Wolle hinzu. Erst die Versorgung mit fliessendem Wasser, Kanalisation und Elektrizität brachte eine grundlegende Entlastung.
Die Elektrifizierung setzte in Uri seit dem ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert schrittweise ein, erreichte abgelegene Höfe aber teilweise erst deutlich später. Elektrisches Licht verlängerte den nutzbaren Tag und beseitigte einen Teil der Brandgefahr. Danach hielten Kochherd, Boiler, Bügeleisen, Waschmaschine, Kühlschrank, Staubsauger, Radio und später Fernseher Einzug. Küche und Bad wurden zu technisch ausgestatteten, hygienisch leichter zu unterhaltenden Räumen. Zentralheizungen ersetzten Einzelöfen, und nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Badezimmer und Toiletten innerhalb der Wohnung zum allgemeinen Standard.
Gleichzeitig wandelte sich die Familienstruktur. Knechte, Mägde und mehrere Generationen lebten seltener unter einem Dach. Die durchschnittliche Haushaltsgrösse nahm ab, während der persönliche Wohnraum zunahm. Aus Stuben, in denen früher gearbeitet, gegessen, gebetet und geschlafen wurde, entwickelten sich getrennte Wohn-, Ess- und Schlafzimmer. Neue Mehrfamilienhäuser entstanden vor allem im Urner Talboden und in den grösseren Ortschaften. In den Berggemeinden wurden ältere Bauernhäuser aufgegeben, zu Ferienwohnungen umgebaut oder unter Wahrung ihrer historischen Bausubstanz erneuert.
Heute unterscheiden sich Bauern- und Bürgerhäuser in ihrer Nutzung kaum mehr grundsätzlich. Beide dienen in erster Linie dem Wohnen und verfügen über moderne Küchen, Bäder, Heizungen und technische Einrichtungen. Ihre äussere Gestalt und ihre Raumordnung erinnern jedoch weiterhin an unterschiedliche Lebenswelten: Das Bauernhaus an die Verbindung von Familie, Landwirtschaft und Selbstversorgung, das Bürgerhaus an Handel, politische Macht, fremde Dienste und gesellschaftliche Repräsentation. Gemeinsam dokumentieren sie den Weg vom weitgehend selbstversorgenden Haushalt zum modernen Wohnhaushalt – und damit einen wichtigen Teil der Sozial- und Alltagsgeschichte Uris. Beispiele alter Bauern- und Bürgerhäuser werden in regionalen Bauinventaren und Übersichten bis heute dokumentiert.
Quellen / Literatur: www.urikon.ch (mit Unterstützung von ChatGPT).
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