Der Energiewandel in der Landwirtschaft

Während die bäuerliche Arbeit während Jahrhunderten weitgehend auf menschlicher Muskelkraft, tierischer Zugkraft sowie einfachen mechanischen Hilfsmitteln beruhte, kamen seit dem späten 19. und vor allem im 20. Jahrhundert zunehmend Verbrennungsmotoren und elektrische Antriebe zum Einsatz. In dem Bergkanton Uri verlief diese Entwicklung teilweise anders und später als in den grossen Ackerbaugebieten des Mittellandes. Kleine Betriebe, steile Hänge, enge Zufahrten und die ausgeprägte Vieh- und Graswirtschaft stellten besondere Anforderungen an die Mechanisierung.
Bis weit ins 20. Jahrhundert bildeten Kühe, Ochsen und Pferde eine wichtige Energiequelle der Landwirtschaft. Sie zogen Pflug, Egge, Wagen, Schlitten und später auch Mähmaschinen. Viele Arbeiten mussten dennoch von Hand ausgeführt werden. Das Gras wurde mit der Sense gemäht, mit Rechen und Gabel gewendet, zusammengetragen und auf Wagen oder Heuschlitten geladen. Die dafür benötigte Energie stammte somit hauptsächlich aus der Muskelkraft von Mensch und Tier. Gleichzeitig mussten die Zugtiere selbst mit landwirtschaftlich erzeugtem Futter versorgt werden. Ein Teil der bewirtschafteten Fläche diente damit indirekt der Bereitstellung von Antriebsenergie.
Einen grundlegenden Wandel brachte der Traktor. Es wurden zunächst vor allem grössere und besser erschlossene Landwirtschaftsbetriebe motorisiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich der Traktor immer stärker durch. Für die schweizerische Landwirtschaft war dabei die Firma Hürlimann von besonderer Bedeutung. Die seit den 1920er-Jahren in Wil SG hergestellten Hürlimann-Traktoren wurden zu einem Sinnbild für die Mechanisierung des Bauernbetriebes. Der Verbrennungsmotor ersetzte zunehmend das Zugtier. Mit Zapfwelle und hydraulischen Einrichtungen wurde der Traktor zugleich zur universellen Kraftquelle für zahlreiche angehängte oder angebaute Maschinen.

Für die Berglandwirtschaft waren herkömmliche Traktoren jedoch oft zu schwer, zu breit oder im steilen Gelände zu wenig wendig. Hier gewannen speziell entwickelte Fahrzeuge an Bedeutung. Besonders charakteristisch wurde der «Schilter». Die in Stans entwickelten landwirtschaftlichen Transporter und Geräteträger waren auf die Bedingungen der schweizerischen Berggebiete zugeschnitten. Ihre Geländegängigkeit, kompakte Bauweise und vielseitige Verwendung machten sie auch für die Urner Landwirtschaft interessant. Mit solchen Fahrzeugen konnten Futter, Mist, Holz, Geräte und andere Lasten auch auf steilen und schmalen Wegen transportiert werden. Der «Schilter» steht deshalb geradezu symbolisch für die Motorisierung der Berglandwirtschaft.
Besonders stark veränderte die Mechanisierung die Graswirtschaft. Wo früher Sense, Rechen, Heugabel und Muskelkraft dominierten, kamen Motormäher, Balkenmäher, Kreiselmäher, Heuwender, Schwader, Ladewagen und später Ballenpressen zum Einsatz. Für steile Flächen wurden leichte Einachsmäher (Rapid) und später spezielle Hanggeräteträger entwickelt. Dadurch konnte eine wesentlich grössere Fläche mit weniger Arbeitskräften bewirtschaftet werden. Gleichzeitig nahm jedoch der Bedarf an Treibstoffen und elektrischer Energie zu. Die landwirtschaftliche Produktion wurde damit unabhängiger von menschlicher und tierischer Muskelkraft, dafür aber stärker von technischen Geräten und externer Energieversorgung abhängig.

Auch die Heugewinnung und Heutrocknung wandelten sich. Traditionell war die Heuernte stark vom Wetter abhängig. Wenn man am Sonntag heuen oder emden wollte, musste die Erlaubnis beim Dorfpfarrer eingeholt werden.
Das geschnittene Gras musste auf der Wiese mehrfach gewendet und möglichst trocken in die Scheune eingebracht werden. Heutrocknungs- beziehungsweise Heubelüftungsanlagen ermöglichten es später, das Futter bereits mit einer höheren Restfeuchtigkeit einzubringen. Elektrisch betriebene Gebläse führen Luft durch das eingelagerte Heu und beschleunigen dessen Trocknung. Teilweise wird die Luft zusätzlich erwärmt, beispielsweise durch Sonnenwärme, Abwärme oder andere Heizsysteme. Damit wurde elektrische Energie zu einem wichtigen Bestandteil der Futterkonservierung. Gleichzeitig konnten Wetterrisiken vermindert und die Qualität des Futters verbessert werden. In Schattdorf bestand eine grosse Heutrocknungsanlage.
Ein ähnlicher Wandel vollzog sich beim Melken. Ursprünglich wurden Kühe vollständig von Hand gemolken. Das erforderte viel Zeit und körperliche Arbeit und musste jeden Morgen und Abend zuverlässig erledigt werden. Mit der Einführung elektrisch betriebener Melkmaschinen wurde diese Arbeit wesentlich erleichtert. Vakuumpumpen erzeugen den notwendigen Unterdruck, während Rohrmelkanlagen die Milch direkt vom Tier in den Milchtank transportieren können. Elektrische Kühlanlagen sorgen anschliessend dafür, dass die Milch rasch auf die vorgeschriebene Temperatur gebracht und bis zur Abholung gelagert wird. In modernen Betrieben kommen zunehmend automatische Melksysteme beziehungsweise Melkroboter zum Einsatz. Die Kuh kann dabei weitgehend selbstständig zum Melkstand gehen, während Sensoren das Tier erkennen und Daten über Milchmenge und Melkvorgang erfassen.
Damit ist die Mechanisierung inzwischen in eine neue Phase eingetreten: die Digitalisierung der Landwirtschaft. Neben Maschinen und elektrischen Anlagen werden Sensoren, Computer, automatische Steuerungen und Kameras eingesetzt. Eine Videoüberwachung im Stall ermöglicht es beispielsweise, Tiere auch von einem anderen Ort aus zu beobachten. Besonders während des Abkalbens kann eine Kamera hilfreich sein, weil der Landwirt nicht ständig persönlich im Stall anwesend sein muss. Moderne Systeme können mit Bewegungs-, Temperatur- und anderen Sensoren verbunden werden und bei auffälligen Ereignissen Meldungen auf ein Mobiltelefon übertragen. Auch Fütterung, Stallklima, Milchleistung und Tierbewegungen lassen sich zunehmend elektronisch erfassen und überwachen.
Der Energiewandel in der Landwirtschaft lässt sich somit als Entwicklung von der Muskelkraft über den Verbrennungsmotor zur Elektrizität und schliesslich zur digital gesteuerten Technik beschreiben. Ochse und Pferd wurden durch Hürlimann-Traktor, Schilter und andere Motorfahrzeuge abgelöst; Sense, Rechen und Heugabel durch Mähmaschinen, Heuwender und Ladewagen; das Trocknen auf der Wiese wurde durch Heubelüftungsanlagen ergänzt; an die Stelle des Melkens von Hand traten Melkmaschine und teilweise Melkroboter. Heute benötigt ein moderner Bauernbetrieb Energie nicht mehr nur für schwere mechanische Arbeiten, sondern ebenso für Kühlung, Lüftung, Pumpen, Beleuchtung, Steuerung, Sensorik und Videoüberwachung.
Gerade für Uri mit seiner ausgeprägten Vieh-, Milch- und Graswirtschaft zeigt sich dabei eine bemerkenswerte Entwicklung. Die Technik musste sich stets den topografischen Verhältnissen des Berggebietes anpassen. Deshalb waren nicht nur grosse Traktoren entscheidend, sondern insbesondere kleine, wendige und hangtaugliche Maschinen. Der Energiewandel verringerte den Bedarf an schwerer körperlicher Arbeit erheblich und erhöhte die Arbeitsleistung eines einzelnen Landwirtschaftsbetriebes. Gleichzeitig entstand eine neue Abhängigkeit von Treibstoffen, Elektrizität und technischer Infrastruktur. In jüngster Zeit schliesst sich dabei teilweise ein Kreis: Mit Photovoltaikanlagen auf grossen Scheunendächern können Landwirtschaftsbetriebe heute einen Teil jener elektrischen Energie selbst erzeugen, die sie für Melkanlagen, Heubelüftung, Kühlung, Fahrzeuge und digitale Technik benötigen.
Literatur: Rolf Gisler-Jauch (Zeichnungen und Unterstützung ChatGPT).
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